Reiseliteratur

Afrika

Reiseliteratur Kategorien

Traumatische Tropen Traumatische Tropen

Nigel Barleys Buch Traumatische Tropen ist sicherlich das witzigste Buch über einen Kulturclash. Das Buch beginnt damit das der Ethnologe Barley sich ein Volk sucht welches er erforschen möchte. Er "entdeckt" hierfür die Dowayos in Kamerun, diese Entscheidung fällt er mmhh sagen wir mal sehr subjektiv. Ein Stipendium um nach Kamerun zu kommen ist überraschenderweise schnell zu erhalten. Anders ein Visa. Er steht vor der grossen Herausforderung zu begründen:
"warum die britische Regierung es für sinnvoll hält, jungen Leuten relativ große Geldbeträge zu zahlen, damit diese in gottverlassene Gegenden ziehen, um angeblich Volksgruppen zu erforschen, von denen dort jedermann weiß, wie ungebildet und zurückgeblieben sie sind." (Zitat)
Für die Behörden ist er ein Spion oder ein Schwachsinniger. So verbringt Barley dann die Zeit damit letzteres zu begründen um zu seinen Dawayos zu kommen. Sehr humorvoll bechreibt Barley die afrikanische Bürokratie in der Bescheinigungen ohne Sinn und Zweck gefordert werden.

Barley beschreibt in diesen ersten 50,60 Seiten, bis Barley schlussendlich bei seinen Dowayos ankommt,die afrikanische Realität sehr treffend. Besonders schlecht kommen bei ihm die westlichen Diplomaten weg. Diese lungern nur in ihren Luxusherbergen herum und bekommen von Afrika genau gar nichts mit. Als Barley es schafft zu den Dowayos vorgelassen zu werden fängt dann der eigentliche Teil des Buches an. Die Beschreibung der Dowayos aber damit auch eine Selbstreflexion, eine Beschreibung des Irrsinns der Ethnologie wie auch der Sinnhaftigkeit der Ethnologie. Die Ethnologie erweist sich zwar vielfach als hilflos außerhalb des akademischen Elfenbeinturms ist dann aber auch wieder die beste erklärende Wissenschaft.

Barley kämpft weiterhin mit der Bürokratie in Form eines selbstherrlichen Präfekten, mit Fledermäusen, der Sprache der Dowayos die so ganz andersartig bleibt, dem Klima Kameruns, mit Krankheiten und mit seinem Gärtner der ihm alle Salatsetzlinge an einem Tag pflanzt. Barleys Hauptziel die Teilnahme an einer (männlichen) Beschneidungszeremonie erreicht er allerdings.

Barley verliert nicht nur an Körpergewicht, er hat zudem Probleme mit seinem Unterkiefer. Aufgrund dessen muss er in die nahegelegene "Stadt", was zu einer meiner Lieblingsszenen im Buch führt. Während er sich noch über einen anderen Westler wundert der die Zahnarztpraxis verlässt als ihm klar wird das der Arzt ein Schwarzer ist, erhält er bald eine Lektion in afrikanischem Pragmatismus. Barley lässt sich vertrauensselig behandeln und bis er bemerkt das er nicht dem Zahnarzt sondern dessem Techniker gegenübersitzt verliert er schon 2 Vorderzähne. Vom richtigen Zahnarzt bekommt er dafür eine nicht funktionierende Plastik-Protese.
Allerdings heben seine bei jeder Unterhaltung bewegende Zähne sein Ansehen bei den Dawayos da diese ihre Vorderzähne abfeilen und Barleys Situation nachvollziehen können. Barleys Beschreibung der Dowayos liest sich flüssig, interessant und vor allem witzig. Es wird aber auch klar das die Kultur der Dowayos extrem unterschiedlich von der Mainstream westlichen Kultur ist.

Besonders interessant für mich - die vollkommene Entkoppelung von Sex und Liebe. Als ein Einheimischer rätselt mit wem ihn seine Frau betrügen könnte gibt Nigel Barley ihm den Rat es könnte sein Bruder sein, er würde ihn oft lachend mit seiner Frau sehen. Worauf der Einheimische mein: Kann nicht sein die Zwei mögen sich! Solche Beispiele gibt es massig, mein Liebling bleibt der Regenmacher ...

 

dtv, München, 1997
ISBN-10: 3423123990
ISBN-13: 978-3423123990
Taschenbuch, 249 Seiten, 8,90 EUR

 

Rezensionsnotiz von einem Weitreisenden, 11.07.2009
Es ist sehr schwierig interessante Bücher über die Naturvölker im Norden Kameruns in deutscher Sprache zu finden. Ausser dem bekannten Schweizer Autor René Gardi, Altanika und Kirdi, fand ich dieses sehr spannende, amüsante und dazu lehrreiche Buch, welches jedem Reisenden in die vergessene Bergwelt zwischen Kamerun und Nigeria begleiten sollte.

<< Zurück