Reiseliteratur

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Schutzgebiet
1913 - unbekannte Geschichte deutscher Kolonien. In der abgeschiedenen Festung Benesi in der deutsch-afrikanischen Kolonie Tola hat das Schicksal eine bunte Schar glücksuchender Auswanderer zusammengewürfelt: Den Holzhändler Gerber, den die Hoffnung auf neue Reichtümer in diese gottverlassene Gegend geführt hat. Seine Schwester, die schöne und geheimnisvolle Käthe, der nach einer Scheidung die Rückkehr nach Deutschland unmöglich ist. Schirach, den strammen Offizier, der aus seiner kleinen schwarzen Schutztruppe ein preußisches Heer machen will. Den drogensüchtigen Arzt Dr. Brückner sowie den Forscher Lautenschlager, der mit Tropenhelm und Plattenkamera nach unbekannten Eingeborenenstämmen sucht. Inmitten dieses Ensembles steht Henry, ein Schiffbrüchiger. Ein Sohn reicher Eltern ist er, doch öffnet ihm das hier, so fern der Heimat, keine Türen. Er muss seinem Schicksal auf die Sprünge helfen, und nimmt die Identität seines Chefs an, der bei dem Schiffsunglück ums Leben kommt. Unter fremdem Namen plant er als Architekt die Stadt, die in der Steppe entstehen soll, ein wahrlich chaotisches Unterfangen.
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2009
ISBN-10 3627001605
ISBN-13 9783627001605
Gebunden, 380 Seiten, 19,90 EUR
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.12.2009
Rezensentin Catharina Koller ist ziemlich angetan von der Idee und der Umsetzung dieses Roman, in dem sich Thomas von Steinaecker die deutsche Kolonialgeschichte in Afrika vorknöpft. Besonders gefällt der Rezensentin der paradoxe Effekt, dass im Kontext der erzählten Geschichte historisch Verbürgtes oft unglaubwürdiger und unwirklicher daherkommt als die offenkundigen, oft zugespitzten Fiktionalisierungen. Das Ergebnis dieses wechselseitigen Überblendung von Fakten und Klischees ist eine "literarische Fotocollage, schrill und schillernd". Die erste Anmutung ist nach dem Dafürhalten der Rezensentin die eines "Trash-Bergs". Doch je weiter sie in das Thema vordringt, desto mehr richtiges "Geschichtsbuchwissen" entdeckt sie darin. Ihr Fazit: Bei dem Roman handelt es sich um ein "grandios durchdachtes Gebilde".
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.10.2009
Mehr als einmal fühlt sich Nico Bleutge in Thomas von Steinaeckers neuem Roman über ein utopisches Stadtentwicklungsprojekt in einer fiktiven deutschen Kolonie in Afrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Filmszenen oder Romane erinnert. Bald geht ihm auf, dass es sich hierbei um ein Konstruktionsprinzip handelt, das einen "existentiellen Kern" beinhaltet, nämlich, dass die Welt sich immer aus dem durch bestimmte Vorstellungen und Bilder vorgeprägten Bewusstsein ihrer Betrachter zusammensetzt. Deshalb findet der Rezensent auch die Darstellungsweise, die in personeller Erzählweise immer wieder von einer Figur in die nächste springt und so die je unterschiedliche Betrachtungsweise aus einer anderen Bewusstseinslage herausstreicht, auch so spannend. Ein bisschen sieht sich Bleutge durch die mitunter allzu klischeehafte Sprache der jeweiligen Erzähler irritiert, insgesamt aber überzeugt ihn der Roman, der mehr und mehr ins "Fantastische" kippt und der nach seiner Einschätzung nichts weniger eindrucksvoll vorführt, als die "Erprobung von Utopien".
Ella Maillart