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Die geheime Schrift
Esmail hat ein Manuskript mit ins Exil genommen. Geschrieben hat es sein taubstummer Vater, in einer seltsamen, selbst erfundenen Schrift. So, wie er früher seinen Vater verstehen wollte, versucht Esmail, das Geschriebene zu entziffern. Es schildert das Leben in einem kleinen Dorf an der Grenze: "Südlich der Grenze lag der Iran, und nördlich, dort, wo immer tiefer Schnee lag, Rußland." Dieser Roman spannt einen Bogen zwischen Amsterdam und Persien. Er erzählt von Vater und Sohn, von Analphabetismus und der Leidenschaft für Geschichten, erzählt von Armut, Abhängigkeit und erwachendem politischen Mut. Esmail schließt sich dem studentischen Kampf gegen den Schah an, später der Regime-Kritik gegen Chomeni. Er flieht - und aus dem Sohn eines armen Teppichflickers wird ein westlicher Intellektueller, der seiner Herkunft jedoch alles verdankt.
Kader Abdolah, geboren 1952 im Iran, studierte Physik in Teheran und war aktiv in der Studentenbewegung. 1988 floh er aus politischen Gründen mit seiner Familie nach Holland, wo er heute in Amsterdam als freier Autor lebt. Der Name Abdolahs ist ein Pseudonym, das aus den Namen zweier ermordeter Freunde gebildet ist.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003
ISBN-10 3608935126
ISBN-13 9783608935127
Gebunden, 367 Seiten, 22,50 EUR
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.02.2004
Bei dem Autor Kader Abdolah handelt es sich um einen Exiliraner, der sich Ende der 80er Jahre in den Niederlanden niedergelassen hat, informiert uns Sabine Berking. "Die geheime Schrift" ist sein zweiter Roman Abdolahs, verfasst in der Sprache seiner zweiten Heimat. Die sprachliche Distanz ist zugleich Thema des Buchs, erklärt Berking, sie wirkt dabei wie ein "Schmerzfilter", der eine Annäherung an die vergangenen Geschehnisse gestatte. Ein Sohn erzählt die Geschichte seines Vaters, eines taubstummen analphabetischen Teppichflickers, der in einer hieroglyphenähnlichen Geheimschrift ein Tagebuch geführt hatte, das der Sohn Jahre später im Exil übersetzt und ausführt, was ihm erlaubt, die Geschichte seiner ganzen Familie, auch das eigene Schicksal und das seiner Schwester mitzuberichten. Sabine Berking hat dieser Roman gepackt, eine Familiensaga, wie sie sagt, die von den Qualen der Diktatur und des Exils erzähle, aber auch von der heilenden Kraft der Sprache zeuge. Abdolahs Sprache sei märchenhaft-surreal, charakterisiert Berking seinen suggestiven Stil, der sie positiv an den großen iranischen Schriftsteller Huschang Golschiri erinnert.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.04.2003
Angela Schader ist hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Enttäuschung bei diesem Roman über einen Taubstummen, der als Teppichflicker die großen politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts in Iran erlebt. Einerseits ist dieses Buch ein Rückblick auf die bewegte iranische Geschichte, andererseits ist die Erzählung in die persische und niederländische Literatur eingebunden, erklärt die Rezensentin interessiert. Das liegt am biografischen Hintergrund des Autors, der selbst 1979 vor dem Khomeini-Regime nach Holland geflohen ist und der in dem Roman zum Teil auch seine eigene Geschichte und die seines taubstummen Vaters erzählt, erklärt Schader, die deshalb den "Wahrheitscharakter" des Romans betont. Das Motiv der Geheimschrift, das im Roman zu unmotiviert und ohne Konsequenzen für die Handlung findet, sieht sie zwar in eben diesem biografischen Zusammenhang verankert, doch findet sie es "gewöhnungsbedürftig" und "nicht immer ganz überzeugend". Außerdem gefällt ihr die mythische Überhöhung der Geschichte durch persische Überlieferungen nicht recht. Ihrer Ansicht nach rückt dieser Kunstgriff, von dem sie vermutet, dass er die Geschichte "hätte vergrößern" sollen, die Handlung eher ins Verspielte. Wenn allerdings im dritten Teil die Vater-Sohn-Beziehung in den Mittelpunkt gerät, lobt die Rezensentin die innigen, "zu Herzen gehenden" Schilderungen. Der Versuch, die Geschichte einer Nation sowohl "repräsentativ" als auch "poetisch überhöht" zu erzählen, stellt sowieso eines der "heikelsten Unterfangen" dar, meint die Rezensentin durchaus verständnisvoll. Insgesamt, findet sie, ist dies dem Roman nicht vollständig gelungen.
Jason Elliot