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Algerische Skizzen
Pierre Bourdieu kam Mitte der 1950er Jahre zum ersten Mal nach Algerien, und zwar als Soldat im Algerienkrieg. Nach Abschluß seines Militärdienstes führte er hier erste Feldforschungen zur Kultur der Berber in der Kabylei durch, die seine späteren großen soziologischen und wissenschaftstheoretischen Arbeiten nachhaltig geprägt haben. Erschüttert von der systematischen Zerstörung einer ganzen Kultur durch das französische Kolonialregime hatte Bourdieu in Algerien gewissermaßen sein Erweckungserlebnis als ethnologisch geschulter Soziologe. Insbesondere sein Entwurf einer Theorie der Praxis ist direkt durch die Algerienerfahrung beeinflußt worden. Der Band vereinigt sämtliche wissenschaftlichen Arbeiten Bourdieus zu Algerien und hat bei seinem Erscheinen in Frankreich große Aufmerksamkeit erregt. Zum ersten Mal läßt sich die frühe Entwicklung und Prägung eines der großen Soziologen des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang nachvollziehen.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN-13 9783518585528
gebunden, 523 Seiten, 32.90 EUR
Rezensionsnotiz zu Tagesanzeiger Zürich, 31.07.2010 von Guido Kalberer
Ähnlich wie Claude Lévy-Strauss, der in Brasilien sein ethnologisches Initiationserlebnis hatte, fand auch Bourdieu in der Fremde – der Heimat von Camus und Derrida – zur Lebensaufgabe. «Ich begann mich als Soziologe und Ethnologe für Algerien aus dem Gefühl heraus zu interessieren, dass das, was ich in Algerien sah, überhaupt nicht zu dem passte, was man auf der anderen Seite des Mittelmeeres darüber erzählte. Selbst die grössten Befürworter der algerischen Unabhängigkeit, zu denen ich gehörte, schienen mir sehr schlecht informiert und nur eine vage Ahnung zu haben.»
Bourdieu fing an, regelmässig ausführliche Interviews mit Einheimischen, vor allem Bauern und Arbeitern, zu führen, um so den Einfluss der Kolonisation auf die traditionelle Kultur der Berber zu analysieren. Ihn interessierte die «Herrschaftsbeziehung, die den Kolonisierten das System des Kolonisatoren aufzwingt». Verschärft durch den Krieg, in dem sich Algerien mit Frankreich befand, traf er auf eine Gemeinschaft im Schockzustand (und in zunehmender Auflösung): «Die Säulen der traditionellen Ordnung sind durch die Kolonialsituation und den Krieg zermalmt und niedergerissen worden.»
Die französische Kultur, die sich spätestens seit der Aufklärung der Rationalität verschrieben hatte, kollidierte mit einer archaischen Stammeskultur, in der zentrale Begriffe und Ordnungssysteme der europäischen Moderne wenn nicht fehlen, so doch unbedeutend sind: Das fängt mit einem völlig anderen Zeitbegriff an und hört mit einem Alltag auf, der nicht unter dem Diktat der kapitalistischen Ökonomie steht. Im Nachhinein bereute Pierre Bourdieu, kein Tagebuch geführt zu haben. Als Ersatz und Gedächtnisstütze für seine späteren Notizen machte er mit einer Zeiss Ikoflex Tausende von Fotografien. Die wenigen erhaltenen Bilder zeugen von seinem untrüglichen Blick fürs Detail.
Das Erstaunen darüber, dass Pierre Bourdieu so nahe an die Menschen herankam, wird etwas verständlicher, wenn man bedenkt, dass er in der Fremde viele Phänomene aus seiner eigenen Heimat wiederentdeckte – besonders die zunehmende Entwurzelung der Bauern, die auch seinen Vater zu einem Postbeamten machte. «Den verstehenden Blick des Ethnologen, mit dem ich Algerien betrachtet habe, konnte ich auch auf mich selbst anwenden, auf die Menschen aus meiner Heimat, auf meine Eltern.» Zeitlebens fühlte sich Bourdieu als entwurzelter Intellektueller, der sein bäuerisches Erbe durch die Annäherung an fremde Bauern in gewisser Weise wiederbeleben konnte. Das aufwendige Kleinklein seiner ethnologischen Feldforschung, das eine hohe Arbeitsbelastung häufig bis in die frühen Morgenstunden mit sich brachte, war ein Unternehmen, «dessen Antriebe nicht nur wissenschaftlicher Art waren», wie Bourdieu in diesen Skizzen bekannte.
German Bogale